Worum es geht: Bisher haben Plattformen wie Facebook Angebote für Medienhäuser ins Leben gerufen, um die Beziehungen zu verbessern. Jetzt richten sie sich mit neuen Angeboten gezielt auch an einzelne Journalist*innen. Dieser Markt muss aus Sicht der Plattformen so lukrativ sein, dass ein Konkurrenzkampf ausgebrochen ist, obwohl die meisten Angebote noch gar nicht am Markt sind. Medienschaffende könnten am Ende davon profitieren.

Die zentrale Frage: Wer hat die Hoheit über die Beziehungen zur Nutzerschaft eines Angebots? Die Plattform, oder die journalistischen Creator, die ihr Angebot mit Hilfe der Plattform monetarisieren?

Wie es begann: Zwar war das Echo auf Apples Ankündigung Paid-Podcasting auf seiner Plattform zu starten positiv, ein fader Beigeschmack blieb aber bei vielen Medienschaffenden. Podcast-Anbieter*innen sehen zwar, wieviele Abos verkauft werden und welcher Umsatz entsteht, sie wissen aber nicht, wer ein Abo abgeschlossen hat. Apple bleibt bei seinem App-Store-Prinzip: Die Hoheit über die Beziehung zur Kundschaft bleibt in Cupertino.

Was Medienschaffende gelernt haben: Eine gesunde Skepsis in der Zusammenarbeit mit Plattformen ist wichtig. In den letzten Monaten gab es viele Diskussionen darüber, ob das Engagement der Plattformen zu einem Freiheits-Verlust des bisherigen Podcast-Ökosystems führt. Zwar gab es bisher mehr Sorgen als eindeutige Schritte, aber diese Entscheidung wäre ein solcher Schritt in Richtung Walled-Garden-Welt. Erst recht, wenn andere Plattformen wie gewohnt nachziehen, und ihren Entscheidungen der Vergangenheit treu bleiben.

Womit viele nicht gerechnet haben: Die anderen großen Mitspieler gehen Apples Weg nicht mit. Teilweise überraschen sie sogar mit ihren Aussagen und Ankündigungen:

  • Viele in der Medienbranche hätten von Mark Zuckerberg die folgende Aussage nicht erwartet. Im Interview mit Casey Newton lobte er den Ansatz des Newsletter-Anbieters Substack, weil die Autor*innen jederzeit ihre Adressliste mitnehmen können:

“I think one of the powerful things that Substack has done is making it so that … if someone signs up with them, [and] decides to pick up and go to another place, your subscriber list is yours. And I think that that is a really powerful part of the creator economy, too.”

Mark Zuckerberg
  • Wenn Medienschaffende auf Facebook oder Instagram eine große Followerschaft aufbauen, dann können sie keine E-Mail-Liste herunterladen. Beim Thema Creator scheint der Facebook-Chef aber anders zu denken. Er positioniert das Thema sogar zu zentralen Frage im Konkurrenz-Kampf der Plattformen:

“When we talk about giving favorable terms [to creators], it’s actually not just the economics. I think it’s also the portability, so that we creators know that if they start building up a business here, that they’re not just gonna be locked in, and will be able to take it to different places.”

Mark Zuckerberg
  • Spotify geht darauf ein. Zum Start seines Paid-Angebots für alle Podcast-Anbieter*innen in den USA, hatte der Streamingdienst eine Überraschung dabei: Die Tests der letzten Wochen hätten gezeigt, dass Podcast-Publisher in den direkten Kontakt mit ihrer zahlenden Hörerschaft treten müssen. Deswegen stellt Spotify künftig die E-Mail-Kontakte zur Verfügung. In der Ankündigung liest sich das so:

“Our model is built to maximize creator revenue and offer the widest possible reach so creators can grow their audiences and develop deep connections with listeners.”

Spotify zum Start der Paid-Abos für alle US-Podcaster*innen
  • Spotify überrascht noch einmal und lockert sogar seines bisher sehr geschlossenes System. Jede normale Podcast-App lässt die eigenen User auch individuelle Podcast-Feeds hinzufügen. Bei Spotify kann nur gehört werden, was auch im Katalog ist. Wer künftig ein Paid-Abo über Spotify abschließt, muss diesen Podcast aber nicht ausschließlich über Spotify hören. Das Unternehmen bietet auch RSS-Feeds an, die die Nutzerschaft zu jeder anderen Podcast-App hinzufügen können.
  • Interessant wird es, weil Spotify sich auch in die andere Richtung öffnet. Natürlich möchte sich Spotify als zentraler Player im Abo-Markt positionieren – aber künftig werden auch Konkurrenten akzeptiert:
  • Spotify arbeitet an einer API, die andere Podcast-Abo-Anbieter nutzen können. Wenn beispielsweise Patreon oder Steady diese API unterstützen, können die zahlenden Nutzer*innen, ihre Bonus-Podcasts auch auf Spotify hören. Das war bisher nicht möglich.

Warum das für Journalist*innen interessant ist: Apropos Skepsis. Bisher gibt es von Apples Konkurrenten nur Absichtsbekundungen. Während Spotifys Pläne schon sehr konkret sind, muss Facebook noch liefern. Aber eins steht fest: Das Ringen der Plattformen um journalistische Creator führt zu Veränderungen, die seit Jahren von Medienhäusern gefordert wurden.

Auf jeden Fall werden Medienschaffende genau ansehen: Habe ich die Hoheit über die Beziehungen zu meiner Nutzerschaft? Kann ich die Plattform bei Bedarf wechseln? Das werden die zentralen Fragen bei der Plattformwahl sein. Die Plattformen machen aber noch einen weiteren Schauplatz auf: Die Frage nach der Umsatzbeteiligung, wie ihr schon vor ein paar Tagen im Daily lesen konntet.

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