Worum es geht: Am 1. September hat das Journalismus Lab das zweite Audiocamp aufgeschlagen. Wieder komplett virtuell, eine Mischung aus Konferenz und Barcamp. Die Campenden kamen aus den unterschiedlichsten Bereichen, wie Radio, Podcasting, Software-Entwicklung, Indy-Medien und Bürgerfunk aber auch aus der Forschung oder aus dem Autosektor. Sie mischten sich einen ganzen Tag um über Audio zu reden.

Was wir mitgenommen haben: Wie das bei solchen Veranstaltungen immer so ist – man wäre zu jedem Zeitslot gerne bei mehreren Themen dabei. Zusammenfassungen sind da nicht umfassend, sondern eine subjektive Auswahl. Bei den von mir besuchten Sessions ist mir aber ein Motiv aufgefallen: Welchen Wert kleine Schritte haben. Sie ermöglichen Innovation, trotz Herausforderungen oder schwieriger Rahmenbedingungen.

Christian Schalt von der RTL Radio Group hat interessante Insights in die Digitalstrategie der Marke gegeben. Der Ansatz: Den ganzen Tag dort präsent sein, wo die Menschen hören. Zum Morgen die Morning-Show im Radio, auf dem Weg ins Büro der Nachrichten-Podcast, auf dem Weg nach Hause noch mal das Radio, zu Hause dann ein Musik-Stream nach dem eigenen Geschmack und später noch einmal ein Unterhaltungs-Podcast.

  • Er sagt: Die heutige Hörerschaft sei sehr anspruchsvoll. Sie höre auf vielen Plattformen und nutze jeden Tag viele unterschiedliche Angebote. Deswegen wachse der Bedarf nach mehr Content. Und dieser muss dann auch noch für den entsprechenden Kanal konfektioniert werden.
  • Die neue digitale Audio-Welt sieht Schalt nicht als Konkurrenz zum Radio, denn jeder Ausspielweg hat eine individuelle Primetime zu unterschiedlichen Tageszeiten. Unterhaltende Podcasts werden vor allem ab 21 Uhr abgerufen und direkt gehört. Nachrichten-Podcast sind besonders am frühen Vormittag gefragt.
  • Eine Beobachtung aus der Branche teilte er: Die Drivetime im Radio, bekannt als die zweite Primetime am späteren Nachmittag, ist nicht mehr so erfolgreich, wie es Radiosender bisher gewohnt waren. Nach der Arbeit würden sich weniger Menschen für das Szenario Radio entscheiden. Besonders bei jungen urbanen Sendern sei die Drivetime so gut wie nicht mehr messbar.
  • Aber wie erreicht die RTL Radio Group das Ziel, Rund um die Uhr das passende Angebot zu haben? Durch viele kleine Schritte. Und: Viele Daten. Ein Angebot wird gestartet. Die Nutzungsdaten werden genau analysiert. Was kann das Team für andere Formate lernen? Was muss bei diesem Format verbessert werden? Oder ist die These, die dem Format zu Grunde liegt am Ende nicht aufgegangen? Manchmal liegt es nicht am Content, sondern nur an der Form der Auslieferung, so Schalt: “Fail fast, fail cheap, and move an. Nicht alle Content-Ideen gehen auf, aber viele.” Und im Summe wird das Portfolio besser.

Roland Lehmann von Radio Teddy, einem privaten Kinderradio aus Potsdam, das auch in anderen Bundesländern aktiv ist, hat über den Wert von Audio-Skills bei Sprachassistenten berichtet.

  • Zum Produktstart wollten alle Sender dabei sein, aber mittlerweile ist die Aufmerksamkeitskaravane weitergezogen. Zu unrecht, wie Roland Lehmann anmerkte. Seine Beobachtung: Viele Sender haben über ihre Audio-Skills nur das angeboten, was sie schon wo anders machen. Ihre Livestreams, vielleicht noch ein paar Podcasts oder die Möglichkeit einen Audio-Sprachnachricht zu schicken. Warum sollten die Hörer*innen das nutzen? Man könne mehr User gewinnen, wenn man die Möglichkeiten des Geräts auch wirklich nutzt.
  • Aber das Patentrezept hatte Radio Teddy zu Beginn auch nicht. Also haben sie viel experimentiert. Eine These aufgestellt, getestet und das Angebot Schritt für Schritt verfeinert. Auch hier ist der Sender mit kleinen Schritten dem Ziel näher gekommen. Und mit einem genauen Blick auf die Daten und dem Feedback der Hörerschaft.
  • Roland Lehmann sieht in Audio-Skills eine optimale Möglichkeit, die Hörerschaft aus einer passiven Rolle, in eine aktive Haltung zu locken. Das Engagement bindet stärker an den Sender. Die Kunst bei der Konzeption ist es aber, die Umsetzung in die bestehenden Arbeitsabläufe der Redaktion zu integrieren.
  • Besonders interessant fand ich eine Demonstration, die kurz vor dem Start steht: Künftig gibt es interaktive Nachrichten. Einmal am Tag wird Radio Teddy Nachrichten in einfacher Sprache anbieten. Wenn die jungen Hörer*innen Nachfragen haben, können sie unterbrechen und sich etwas erklären lassen.

Der Chefredakteur eines Radiosenders gab bei einer Diskussion über Innovation bei kleineren Redaktionen einen interessanten Gedanken mit. Während große Medienhäuser ihre eigenen Innovations-Teams haben, läuft dies bei kleineren Sendern oft nebenher.

  • Er beobachtet, dass aus seinem Team viele gute und innovative Ideen für kleinere Projekte kommen. Aber auch die kosten Geld. Die Summen sind überschaubar, aber trotzdem nicht eingeplant. In der Regel lehnen Managements diese kleineren Investitionen im laufenden Betrieb ab.
  • Eine Investitionsbereitschaft durch das Management sieht der Chefredakteur nur, wenn es “um das nächste große Ding” geht. Dann würden Radio-Manager*innen auch größere Beträge ermöglichen. Ständig seien auch immer alle auf der Suche nach dem “nächsten großen Ding” – und das mittlerweile schon sehr lange.
  • Der Appell des Chefredakteurs: In der Zwischenzeit hätten schon viele der kleinen Projekte umgesetzt werden können. Er ist sich sicher, in der Summe entstehe Innovation. Stattdessen ist aber nichts passiert, weil alle nach dem “nächsten Großen Ding” suchen.

Mehr Hintergrund: In unser aktuellen Podcast-Ausgabe berichten wir auch über weitere Themen des Audiocamps.

(Daniel Fiene)

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