Die Financial Times Deutschland wird eingestellt, die Frankfurter Rundschau ist insolvent. Turbulente Zeiten für den Journalismus. In der 281. Sendung von Was mit Medien haben Daniel Fiene und Herr Pähler mit Christian Jakubetz gesprochen. Der Journalist und Herausgeber des Buches Universalcode erklärt im Interview, dass für den Journalismus Hopfen und Malz noch nicht verloren sind.

Das Gespräch haben wir in unserem Medienamagzin 22. November 2012 bei DRadio Wissen geführt – hier gibt es die Abschrift des Gesprächs.

Daniel Fiene: Hallo Christian! Nach all den Hiobsbotschaften der vergangenen Tage: Magst du deinen Job überhaupt noch?

Christian Jakubetz: Aber ja doch! Wenn ich ihn nicht möge würde, würde ich nicht hier sein. Ich find den Beruf nach wie vor toll. Dass was jetzt passiert ist, so schlimm es für die Kollegen und deren Familien auch ist, war ja nichts, was uns wirklich überrascht hat. Das waren ja alles Dinge, die leider absehbar waren.

Herr Pähler: Dann lass uns jetzt mal nicht auf die Negativbeispiele schauen, sondern auf die positiven Beispiele. Wo in der Medienwelt läuft es deiner Meinung nach denn gut?

Also mein Lieblingsbeispiel ist lustigerweise eine gedruckte Zeitschrift, die sehr teuer ist, und die im digitalen Leben eigentlich gar nicht so präsent ist. All diese digitalen Dinge, wie Soziale Netzwerke, wird von ihr gar nicht so intensiv betrieben, sondern sie liefert einfach gute Geschichten. Und zwar die brand eins! Eine Ausgabe kostet immerhin um die 7 €. Die App ist nicht viel mehr als die gedruckte Ausgabe, die auf dass Tablet gebracht ist. Bei Facebook posten sie nur ab und zu mal ein bisschen und bei Twitter sind sie auch nur sehr wenig präsent. Aber das Ding läuft richtig gut. Ihnen geht es wirtschaftlich gut und sie bezahlen ihre Leute sehr ordentlich. Das wird ja heutzutage auch immer wieder beklagt, dass Journalisten schlecht verdienen. Ich finde die Leute bei brand eins machen jeden Monat ein Heft, dass sich zu lesen lohnt und zeigen damit, es geht gar nicht so sehr darum: Ist es jetzt gedruckt oder ist es digital? Es geht erst einmal darum, gute Geschichten zu machen.

Herr Pähler: Aber was genau machen die denn anders? Außer, dass der Preis höher ist und dass sie weniger Social-Media-Aktiv sind?

Ich glaube, was sie wirklich begriffen haben ist, dass wir uns als Journalisten nicht mehr in diesen Kampf um Nachrichten stürzen dürfen. Sondern sie schreiben wirklich gute, intensiv recherchierte, lange Geschichten, von denen man wirklich sagen kann: Die habe ich in dieser Form woanders noch nie gelesen. Das ist genau das, worauf Journalismus generell hin muss. Man muss nach den Geschichten schauen und gucken: Wo sind die Geschichten, die andere noch nicht gemacht haben?

Daniel Fiene: Man hört auch keine Klagen von Journalisten, die bei der brand eins arbeiten. Das scheint da ja ganz gut zu laufen. Aber auf der anderen Seite ist es ja so, dass nicht alle Journalisten dort arbeiten können. Was können wir uns denn genauer von dort abgucken?

Ich traue mich das eigentlich gar nicht zu sagen, weil es so sehr nach Phrase klingt. Aber es ist tatsächlich erstmal Qualitätsarbeit. Das sollten wir uns alle hinter die Ohren schreiben. Was ich schon feststelle: Natürlich haben wir es mit vielen jungen Journalisten jetzt zu tun, die alle in der Lage sind, irgendwas mit Internet zu machen. Das ist auch alles ganz toll. Aber ich glaube wir als Einzelne oder ganze Redaktionen haben nur eine Überlebenschance, wenn wir in der Lage sind, Geschichten besser zu erzählen, als andere. Das ist ja genau das, was wir mal gerlernt haben oder zumindest gelernt haben sollten und dass, was die Leute letztendlich auch von uns erwarten.

Herr Pähler: Aber kann man Qualität lernen?

Aber klar doch! Glaubt ihr das nicht?

Herr Pähler: Eigentlich schon, aber ich wollte es nochmal von dir wissen.

Um das an einem simplen Beispiel festzumachen: Wenn man heutzutage einigen Journalisten sagt, dass sie etwas recherchieren sollen, dann verwechseln diese es sehr oft mit Google oder bei Wikipedia nachlesen. Das ist legitim, aber ich glaube ein guter Journalist weiß, dass er sehr viel mehr und intensiver recherchieren muss. Er muss in der Lage sein, Quellen auch tatsächlich einzuordnen. Das ist etwas, was ich ab und zu ein wenig vermisse im Copy & Paste-Zeitalter des Internets. Ganz einfach gesagt: Das Besinnen auf die uralten journalistischen Tugenden ist auf jeden Fall der richtige Schritt.

Herr Pähler: Als junger Journalist sollte man das ganze Thema Internet, Social Media und so weiter aber schon beherrschen? Auch als Handwerkzeug?

Ja natürlich! Das ist unabdingbar. Ich denke auch, dass brand eins trotz seiner Internetabwesenheit hat und nicht umgekehrt. Natürlich müssen sich Journalisten, ob jung oder alt, ganz einfach mit diesen Netz-Handwerkszeugen auseinander setzen. Wir müssen begreifen, wie es geht. Nicht nur technisch, sondern auch vom Denken her. Ich glaube vor allem letzteres ist etwas, was vielen noch fehlt. Wie man einen Tweet schreibt, das kann ich auch weniger begabten Personen in ein paar Sekunden genau erklären. Das ist handwerklich nichts schwieriges. Die Frage ist einfach: Wie denke ich Journalismus? Wie vernetze ich ihn über mehrere Plattformen hinweg? Wie schaffe ich es, verschiedene Dinge zu verknüpfen und auf verschiedene Weisen zu erzählen? Ich glaube, genau das ist der entscheidene Punkt, wenn wir von diesem Internet reden.

Daniel Fiene: Wir sollten mal ganz praktisch an die Sache herangehen. Angenommen, ich bin als Journalist frustriert oder mache mir sehr große Sorgen über meine berufliche Zukunft. Was ist denn der erste Schritt, um selbst aktiv zu werden und aus dieser Abwehrhaltung rauszukommen?

Ein ganz einfacher Schritt: An den Rechner setzten, den Hoster meiner Wahl suchen und einen Blog eröffnen, auf dem ich mich austoben kann. Auf so einem Blog kann man ja ganz tolle Sachen machen. Das ist ja schon lange nicht mehr nur das Tagebuch im Internet, wie es früher merkwürdigerweise immer hieß. Man kann Videos posten, sich an Fotografie ausprobieren, man kann multimediale Sachen machen. Im Gegensatz zu früher, wo man wirklich eine Art Lehrmeister brauchte, kann sich heute wirklich jeder hinsetzen und einen Blog eröffnen. Im Internet liegen tausende tolle Tools mit denen man Audios, Slideshows oder Hangouts produzieren kann. Die Ausrede “Ich kann das alles nicht”, zählt heutzutage nicht mehr.

Ab sofort hat Christian Jakubetz eine eigene kleine Ecke bei Was mit Medien. Die Universal Corner! Dort wird ab sofort in schöner Regelmäßigkeit der Journalismus im Netz untersucht. Mit all seinen nützlichen Handwerkzeugen oder Trends.