Es gibt schlechtere Orte um über das eigene Medium nachzudenken: In Barcelona haben an zwei Tagen rund 800 Radiomacher an den Radio Days Europe 2012 teilgenommen. 5 Themen haben die meisten Diskussionsrunden umwabert — mit Bewunderung, Skepsis und manchmal unangebrachter Hysterie widmeten sich die Radiomacher diesen Trends. Es folgt ein Check dieser Herausforderungen der Radiobranche.

Von Daniel Fiene

1.) Spotify, Spotify und noch einmal Spotify.
Wenn sich Menschen vom Radio für cool halten, bauen sie das kleine grüne Spotify-Logo in ihre Präsentation ein – obwohl der Musikstreamdienst gar kein Radiodienst ist. Wenn Menschen vom Radio den Untergang der ganzen Branche ausrufen wollen, bauen auch sie das kleine grüne Spotify-Logo in ihre Präsentation ein – obwohl der Musikstreamdienst kaum als David gegen die Goliath-Radioszene antreten wird. Spotify steht als Symbol einer Gattung die fasziniert. Dabei sind diese Dienste alles andere als neu. Simfy gibt es in Deutschland schon längst. Auch Napster bietet eine Musikflatrate an. Spotify ist aber keine Gefahr für das Radio — höchstens für Musikshops wie dem iTunes Store für Apple. Kluge Radiomacher schauen —wie die vom schwedischen Radio—, wie sie ihre Inhalte bei Spotify unterbringen können, um die eigene Reichweite zu steigern und die Hörer auf ihre Streams zurückführen.

2.) Visual-Radio.
Damit ist nicht Fernsehen gemeint. Es sind die kleinen Radiogeräte mit einem Display, auf dem Zusatzinformationen zur Musik, den Themen oder der Werbung angezeigt werden. Ich habe den Eindruck: Visual-Radio ist ein Wunschtraum der Vermarkter und Werbetreibenden. Aber erst muss die Geräteindustrie mitspielen: Wer kauft sich ein Visual-Radio, das deutlich über 100 Euro kostet? Geräte unter 100 Euro soll es demnächst geben. Ob das den Durschnittshörer aber reicht? Wahrscheinlicher ist es, dass dieses Eye-Candy als nettes Feature in Apps oder neuen Autoradios durchsetzt.

3.) Pinterest, Instagram und deren Genossen.
Kaum  haben Radioteams Facebook & Twitter mühevoll gelernt, kommen schon die nächsten sozialen Netzwerke um die Ecke und schreien laut nach Aufmerksamkeit. Natürlich sollten Sender nicht jeden Quatsch mitmachen, aber es gibt heiße Kandidaten, mit denen es sich zu beschäftigen lohnt. Zwischen Hype und Nutzerbasis gibt es einen Unterschied. Auf der letzteren Seite stehen die Dienste Instagram und Pinterest. Sie ermöglichen jeweils eine Rückführung auf die eigene Senderseite und somit auch auf den Radiostream. Ein Sender kann über einen Bilderkanal bei Instagram nicht nur einen Blick in das Studio ermöglichen, sondern auch Begleitmaterial zu größeren Aktionen bieten, die gerade im Radio laufen. Wie man das Pinnboard-Netzwerk Pinterest nutzen kann, zeigt The Breakfast Show von Absolute Radio in Großbritannien.

4.) Das Autoradio der Zukunft.
Je mehr Internet in den Autos der neuen und nächsten Generation eingebaut wird, desto mehr Konkurrenz gibt es für die Ohren (hat hier gerade jemand Spotify gesagt?). Zwei Faktoren können Radiomacher aber entspannen lassen: Aktuelle Forschungen zeigen, dass Hörer weiterhin lieber ihren Heimatsender einschalten. Nicht nur im Sendegebiet, sondern soweit die Straßen führen. Zum anderen gibt es Ansätze, wie Radio sich selbst weiterdenkt. Der NDR, Hitradio Antenne und Volkswagen forschen an einem interaktiven Hybrid-Autoradio. Läuft in den Nachrichten ein Thema, das mich interessiert, kann ich per Knopfdruck einen vertiefenden, Podcast- oder Archiv-Beitrag abrufen. Anschließend wird wieder zurück in das lineare Programm geschaltet. Was für ein Spaß!

5.) Personalisierbares Radio.
Wo mit wir schon beim  Radio sind, das personalisierbar ist. Hier gibt es einfach noch keine vernünftige Lösung. Das Prinzip des Hybrid-Autoradios könnte auch außerhalb der Karosse funktionieren. Einen interessanten Ansatz haben auch Schweizer auf den Radio Days mit ihrem sich noch im Test befindenden Dienst DIY.fm gezeigt (persönliche Mischung von Webstreams, Podcasts etc.). Aber wo sind hier in Deutschland die Wortinhalte bei Spotify, Rdio & Co.? Hier müssen die Sender noch ihre Hausaufgaben machen.

Linktipp: Daniels Kongressnotizen gibt es übrigens auch in seinem privaten Blog.

Hat Radio überhaupt eine Zukunft?

Daniel und Michael Praetorius haben sich nach den Radio Days Europe getroffen und einen Blick zurück geworfen. Tipp: Lest auch seinen persönlichen Blogeintrag.

Die Radio Days Europe 2013 finden im März in Berlin statt.