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Habt keine Angst!

Angst; Rechte: Flickr/Joe Crowland, CC BY 2.0Journalisten haben Angst vor der Digitalisierung: Mit atemberaubendem Tempo verändert das Internet ihre Jobs, zwingt die Verlage zu Sparmaßnahmen und stellt alles auf den Kopf. Was-mit-Medien-Macher Dennis Horn hat beobachtet: Viele Journalisten packen diese Angst in ihre Berichte über die Digitalisierung – und schon überträgt sie sich auf die komplette Gesellschaft.

Vor ein paar Wochen habe ich dem Fernsehen ein Interview gegeben. Thema: die neue Facebook-Chronik. Der verantwortliche Redakteur kam zum vereinbarten Termin, und während seine Kollegen Kamera und Mikrofon in Stellung brachten, versuchte er sich im Smalltalk mit mir: „Ich bin ja selbst eher so’n konservativer Typ. Ich bin ja auch nicht in Facebook drin. Da hört man ja immer von den Datenschutzproblemen und so.“ Exakt: Dieser Redakteur hat später einen Fernsehbeitrag zum Thema Facebook gemacht.

Es ist nicht gut, was dort passiert. Es gab noch nie eine so gute und spannende Zeit für den Journalismus – denn es gab noch nie so viele Möglichkeiten, Leser, Hörer, Zuschauer und Nutzer zu erreichen und Geschichten zu erzählen. Es gab aber auch noch nie so viel Angst: vor Veränderung, vor dem Zeitungssterben, vor dem Netz, vor Twitter, vor jungen Kollegen, die schon all das beherrschen, was dort im Netz gerade entsteht.


Journalisten packen die Angst in ihre Artikel – und verängstigen damit die Gesellschaft

Was viele Journalisten packt, ist ein Reflex: Sie übertragen ihre Angst vor dem „bösen Internet“ auf die komplette Gesellschaft. Zwei Beispiele der vergangenen Jahre: die Berichterstattung über Google Street View, die ich als unfassbar hysterisch empfunden habe, mit all ihren Ängsten, die beim Microsoft-Konkurrenten StreetSide offenbar keine Rolle mehr gespielt haben, oder die oft falschen Berichte über die Facebook-Chronik, die doch eigentlich nicht viel mehr ist als ein kosmetisches Update.

Vom Gefühlsleben der Journalisten haben Leser, Hörer, Zuschauer und Nutzer keine Ahnung – sie gehen davon aus, dass objektiv berichtet wird. Doch das ist nicht der Fall, wenn zwischen den Zeilen auch die Angst der Journalisten eine Rolle spielt. In Was mit Medien 270 haben wir uns mit der Kölner Supervisorin Kirsten Annette Vogel vom TOP.IfM Institut für Supervision darüber unterhalten, die viele Journalisten und Chefredakteure betreut. Sie bestätigt diesen Effekt: „Wenn Menschen Medien rezipieren, dann nehmen sie Sprache, Aufbau und Stimmung in sich auf und verknüpfen sie mit den eigenen Prägungen und Erfahrungen.“


Komplexität, Digitalisierung, Sparprogramme – drei Gründe für die Angst

Einer der wichtigsten Gründe für die Angst von Journalisten ist laut Vogel das Gehirn: „Für Menschen, die noch in der analogen Welt aufgewachsen sind, ist das Internet eine Herausforderung. Unser Gehirn kann Informationen nur verarbeiten, wenn wir schon Vorerfahrungen haben. Die virtuelle Welt ist aber so komplex, dass viele Menschen nicht erkennen, worum es geht. Sie wissen zwar: Das Netz ist ein riesengroßes Datennetzwerk. Aber was bedeutet das?“ Die Komplexität macht den Nicht-Digital-Natives also Probleme: „In den ersten Jahren des World Wide Web hatten Menschen zum Teil Angst, den Computer anzumachen, weil sie dachten, die fremde Welt kommt von außen herein.“ Manchmal hilft eben ein Blick zurück, um Ängste von heute zu töten.

Ein zweiter Grund: die Digitalisierung an sich. Sie stellt traditionelle Strukturen auf den Kopf – je älter das Medium, desto deutlicher wird das. Kirsten Annette Vogel sagt, dass viele Journalisten deshalb neue Aufgaben bekommen – und Probleme haben, sich darauf einzustellen: „Wenn ich etwas tun muss, das nicht meine eigene Domäne ist, lehne ich das ab. Das ist eine völlig normale Reaktion. Journalisten, die es bisher gewohnt waren, nur ihre Artikel zu schreiben oder O-Töne zu schneiden, müssen nun zusätzlich das Internet mit ihren Inhalten bestücken. Das kann auch frustrieren.“

Was das angeht, spielt natürlich auch der dritte Grund eine große Rolle: die Sparmaßnahmen in vielen Redaktionen. Laut Vogel haben viele Verlage oder Sender schlicht keine Ressourcen, Online-Mitarbeiter einzustellen: „Ich habe letztens einen Chefredakteur kennengelernt, dessen Redaktion deshalb ein Tool bekommen hat, das die Hörfunknachrichten, die seine Redakteure schreiben, direkt ins Netz stellt – um Ressourcen zu sparen.“ Hörfunknachrichten werden aber fürs Hören geschrieben – im Netz entsteht damit ein suboptimales Produkt. „Da fragt sich der Journalist: Wollte ich so überhaupt arbeiten? – und wird frustriert.“


Darf es im Journalismus überhaupt Gefühle geben?

Was kann ich tun? Der erste Schritt lautet für Kirsten Annette Vogel: „Es überhaupt erkennen und nicht ablehnen. Die Fähigkeit, sich selbst zu reflektieren, ist ein großer Schritt. Tatsächlich sind die Fälle von Burn-out bei Journalisten in den vergangenen drei bis fünf Jahren eklatant gestiegen.“ Journalisten, denen das passiert, kommen laut Vogel in einen Teufelskreis: Sie fühlen sich nicht wohl, also fahren die Synapsen in ihrem Gehirn nicht mehr mit Vollgas. Das führt dazu, dass sie nur mit angezogener Handbremse arbeiten. Dafür gibt es einen Rüffel von Kollegen und vom Chef – und der wiederum führt dazu, dass die Journalisten sich noch schlechter fühlen.

Und Schritt zwei: „Wenn ich gemerkt habe, dass ich als Journalist verängstigt bin, sollte ich mir jemanden suchen, mit dem ich darüber spreche. Allein festzustellen, dass ich ernstgenommen werde, als Mensch mit Empfindungen, Gefühlen und normalen Problemen, kann schon viel helfen. Journalisten arbeiten ja in einem Beruf, in dem es um Objektivität geht. Viele haben tatsächlich Angst davor, über ihre Befindlichkeiten zu sprechen – die werden im Redaktionsalltag selten benannt.“

Lasst uns mehr über die Angst an sich sprechen – und weniger über das böse Internet.

Das komplette Interview mit Kirsten Annette Vogel über die Angst von Journalisten hört ihr in Was mit Medien 270.

 

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